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Wolfgang Andrä (Regie, Kamera, Schnitt)

Du trägst denselben Namen wie Paul. Im Film wird nicht erklärt warum. Seid ihr verwandt?

Jetzt ja, damals bei den Dreharbeiten nicht. Paul habe ich etwa ein Jahr vor den Dreharbeiten als Kind meiner Studienfreundin Yvonne kennengelernt. Er war ein fröhliches, witziges und kluges Kind, und ich mochte ihn sehr. Man kann sagen, wir waren sowas wie sehr ungleiche Freunde. Über die Jahre hat meine Rolle gewechselt, und ich bin dann vom Freund zum Vater geworden. Und als Yvonne und ich einige Jahre später geheiratet haben, habe ich den Namen Andrä angenommen.

Jahre später, sagst Du. Das heißt dann, dass der Film schon Jahre alt ist?

Nein, das ist er nicht. Gedreht habe ich mit Stefan vor 10 Jahren. Wir haben dann zwei Schnittfassungen erstellt, die wir aber aus verschiedenen Gründen nicht veröffentlicht haben. Und dann lagerte das Material gut gesichert vor sich hin. Pauls Mutter Yvonne wurde meine Frau und mit ihr habe ich noch eine Tochter bekommen. Letztes Jahr war sie nun sieben Jahre und kam in die Schule. Und da erst begriffen wir endlich, dass das, was Paul damals erlebt hat, eine ganz universelle Geschichte ist. Lale machte nämlich dieselben Erfahrungen wie ihr Bruder. Sie musste sich im Jena-Plan-System zurechtfinden, und sie war auch in der Delfin-Stammgruppe bei Kathrin Witte. Aber für Paul wie auch für Lale war das absolut Wichtigste in dieser Zeit, die Suche nach einem Freund bzw. einer Freundin. Und das Leiden unter der nicht immer erfolgreichen Suche. Wir haben diesen emotionalen Aspekt als Eltern völlig unterschätzt und anfangs beide Male unsere Konzentration nicht nur, aber vor allem darauf gerichtet, dass die Kinder die Schule im Sinne von Kenntnissen "erfolgreich" absolvieren können. Was für eine Fehleinschätzung! Um wieviel wichtiger ist doch das Ankommen in der Gemeinschaft. Und mit dieser Erkenntnis haben Yvonne und ich uns jetzt an das Material gesetzt und soviel Neues entdeckt. Deshalb ist es jetzt auch ein neuer Film.

Und das habt ihr damals nicht im Material entdeckt?

Doch gesehen haben wir schon damals, dass vor allem die Freundschaft so enorm wichtig für Paul ist. Aber wir dachten, dass das eben vor allem bei Paul so wäre. Ursprünglich hatte uns ja auch vor allem interessiert, wie ein Kind seinen Schulanfang erlebt, und wie speziell die Jena-Plan-Schule mit dem so speziellen Paul umgehen kann. Denn versprochen wurde damals, dass Paul in diesem Schulsystem in seinen Fähigkeiten und Fertigkeiten gefördert werden würde. Da Paul ja schon in vielerlei Hinsicht dem "normalen" Schulanfänger voraus war, hatte uns eben besonders interessiert, wie das vonstatten gehen wird. Das war auch zunächst der Anlass zum Film. Während der Dreharbeiten schob sich der Freundschaftsaspekt dann aber immer mehr in den Vordergrund. Das war auch für uns eine Entdeckung. Denn wir selber hatten vergessen, wie unser eigener Schulanfang war.

Und erinnerst Du Dich jetzt an Deinen Schulanfang?

Leider nein. Aber ich bin sicher, dass auch meine Erfahrungen ähnlicher Natur waren. Und wenn ich an die verschiedenen Phasen in meinem Leben denke, dann fallen mir immer zuerst die Menschen ein, mit denen ich in dieser Zeit eng befreundet war. Freundschaft ist eben doch ein immanenter Teil unseres Seins und wer einsam und allein ist, ist nicht glücklich. Das kennen sicher viele aus eigener Erfahrung, so wie ich auch. Die Geschichte von Paul hat mir einmal mehr gezeigt, dass wir Erwachsene unsere Kinder ernst nehmen müssen, und dass wir ihre Gefühle nicht gering schätzen dürfen.

Wie hast Du die Reformschule Jena-Plan erlebt?

Ganz anders als ich Schule kannte. Dass Kinder sich auch im Unterricht ihren Interessen widmen können und dass Lehrer den Kindern so viel zutrauen, dass ist wirklich toll. Man muss aber auch sagen, wir hatten großes Glück, dass wir diese beiden Lehrerinnen erleben durften. Nicht nur, dass sie die Kamera zugelassen haben, sie sind auch beide, so unterschiedlich sie sind, wirklich sehr besonders. Für meine eigene Schulzeit hätte ich mir das auch gewünscht. Dass Jena-Plan mich und auch Yvonne überzeugt hat, zeigt sicher am besten, dass wir auch unsere Tochter Lale in dieselbe Schule gegeben haben.

Hatte der Dreh in der Schule besondere technische Herausforderungen?

Oh ja! Enorme! Denn die Kinder haben fast nach jeder Pause die Räume gewechselt und dann auch noch im Unterricht permanent ihre Plätze, weil sie ja selbst entscheiden konnten, was sie wann mit wem machen. Licht aufzubauen war damit unmöglich. Wir konnten also nur mit dem vorhandenen Licht arbeiten. Dazu kam, dass die Räume nicht für uns umgeräumt werden konnten. Das machte ein sich-in-einen-Winkel zurückziehen notwendig, was auch die Perspektiven und Einstellungen massiv einschränkte. Und auch für den Ton waren das schwierigste Bedingungen, denn wie soll man einen sauberen Ton erhalten, wenn sich ständig alle Positionen ändern, und man sich selbst nicht mit bewegen kann. Durch diese Bedingungen hat der Film eine bestimmte, man kann sagen raue Ästhetik, aber ich bin überzeugt davon, dass das auch die richtige ist. Denn der Zuschauer hat das Gefühl sehr nah dran zu sein und mal ganz ehrlich, Hochglanz ist doch auch das Leben nicht. Auch nicht das von Schulkindern.

Stefan Petermann (Ton)

Wie waren Eure Dreharbeiten?

Wir haben in einem Zweier-Team gearbeitet; Wolfgang an der Kamera und ich am Ton. Wann immer uns etwas aufgefallen ist, haben wir das erst mal mitgeschnitten und später diskutiert. So haben sich nach und nach die Geschichten herausgeschält, auf die wir uns im Laufe eines halben Jahres immer stärker fokussiert haben.

Wonach habt Ihr die Handlungsstränge ausgewählt?

Das war gerade am Anfang etwas schwierig. Es gab eine Unmenge an Eindrücken und Informationen, die auf uns eingeprasselt sind. Eine Schule ist ein hochkompliziertes Gefüge, dass sich permanent verschiebt, was ja auch von der Weiterentwicklung aller lebt, gerade im sozialen Bereich. Und diese Veränderungen sind nicht immer sofort offensichtlich. Wir mussten also viel aus kleinen Gesten und nur zögerlich ausgesprochenen Wahrheiten herauslesen und interpretieren und versuchen zu verstehen, was da eigentlich gerade zwischen den Kindern passiert, was ihnen Sorge bereitet, was Freude. Und dann eben schauen, wie sich damit eine Geschichte erzählen lässt, die auch für Außenstehende nachvollziehbar ist.

Und wie haben die Kinder auf Eure Anwesenheit reagiert?

Die ersten Tage war das natürlich ein großes Hallo. Die Kinder sind vor die Kamera gelaufen und haben gewunken und sich groß in Pose geworfen. Besonders die Angel mit dem Mikrofon hatte es ihnen angetan. Mit der Zeit hat sich das aber gelegt. Was auch daran lag, dass wir einfach immer da waren. Üblicherweise haben wir uns während des Unterrichts in unsere Filmecke verzogen und von da aus beobachtet. Und auch sonst haben wir versucht, nicht weiter ins Geschehen einzugreifen. Natürlich wäre es illusorisch anzunehmen, dass unsere Anwesenheit nicht auch Dinge beeinflusst hat. Aber wir wollten während des Filmens so unsichtbar wie möglich bleiben.

Gab es nicht trotzdem Momente, in denen Ihr habt eingreifen wollen?

Klar. Wir mussten lernen, wann ein Konflikt normaler Bestandteil des Miteinanders war und auch wichtig für die Kinder, um sich zu erproben und sich in der Gemeinschaft zu definieren. Und wann ein Konflikt wirklich an die Grenzen und darüber hinaus ging. Das war nicht immer leicht auseinanderzuhalten und hat uns in einige Situationen gebracht, wo wir dann tatsächlich Handlungen unterbrochen haben und nicht mehr Filmmacher waren, sondern in die Rolle einer Autorität geschlüpft sind.

Und dann habt Ihr die Kamera ausgeschaltet?

Ja. Denn die Kinder haben sich meistens ungefiltert und ohne Scheu vor die Kamera begeben. Und da bestand unsere Aufgabe eben auch darin, sie zu schützen, gerade vor einer medialen Wahrnehmung, die sowieso schon überhöht. Es ging uns ja nicht darum, ihr Auftreten im Zuge einer zuvor überlegten Narration einzubinden. Wir wollten Geschichten finden und diese dann in einem Film erzählen. Wobei das wahrscheinlich nicht möglich ist – das wahre Leben wiederzugeben. Da erfolgt zwangsläufig eine Verdichtung.

Yvonne Andrä (Dramaturgie)

Wie war es für Dich zugleich vor und hinter der Kamera zu arbeiten?

Naja hinter der Kamera habe ich ja zunächst gar nicht gearbeitet. Denn ursprünglich war das allein der Film von Wolfgang und Stefan. Ich war zunächst nur als Mutter von Paul dabei, also vor der Kamera. Auf andere Art zum Film kam ich erst beim Schnitt der dritten Fassung, die jetzt so viele Jahre später erst entstand. Da Wolfgang und ich bei anderen Dokumentarfilmen festgestellt haben, dass die gemeinsam erarbeiteten Filme immer die besten waren, hat er mich darum gebeten, am Schnitt mitzuarbeiten. Und das war dann wirklich eigenartig. Denn das komplette Rohmaterial hatte ich ja zuvor nie gesehen. Und dieser Blick in die Vergangenheit war sehr schön, er hat aber auch wehgetan und die Sehnsucht nach dem kleinen Kind Paul geweckt.

Was war schön, und was hat wehgetan?

Besonders hinreißend war es, den Witz und die Unbefangenheit von Paul wieder zu erleben. Ich konnte soviel lachen. Und natürlich war und ist es für mich als Mutter sehr berührend, wie viel ihm die Freundschaft zu einem anderen Kind bedeutet. Diese Sensibiltät hat er sich bewahrt, und ich erlebe sie auch heute noch manchmal. Was mir wehgetan hat, war die Traurigkeit, die er beim augenscheinlichen Verlust des Freundes empfand. Und es gab auch zwei Szenen, in denen Paul verprügelt wird und die nicht im Film zu sehen sind. Da hätte ich, wäre ich dabei gewesen, bei den Dreharbeiten sofort eingegriffen.

Und gab es auch Überraschendes?

Ja klar. Unmengen. Aber das eigentlich Frappierende war, dass sich ein Großteil von all dem Schönen, das Paul ausmacht und auch den Schwierigkeiten, die Paul damals hatte, dass sich das alles über seine ganze Schulzeit erhalten hat. Was das alles ist möchte ich nicht detailliert erzählen, aber alle die Paul kennen, werden es sehen. Seitdem ich das Material kenne, glaube ich noch weniger an die behavioristische Sicht auf den Menschen und die Eingreifmöglichkeiten durch Erziehung. Letztendlich denke ich, dass mir diese Einsicht vielleicht helfen wird, nicht nur Paul und meine Tochter Lale, sondern eben auch alle Anderen in ihrem Anderssein zu akzeptieren. Was letzten Endes ja auch bedeutet, sie so in ihrer ganzen und komplexen Persönlichkeit wertzuschätzen und zu lieben, eben auch die Eigenschaften, die man vielleicht gern "anders" hätte. Ich spreche hier natürlich insbesondere von meinen Kinder. Und das zu lernen sehe ich wirklich als Lebensaufgabe für mich.